Rezension: „The Future is Female“ von Scarlett Curtis

Ein Gastbeitrag von Kathi Grelck

Feminismus ist heutzutage gleichzeitig ein Trend- und ein Unwort. In Deutschland bezeichnen sich mehr Personen denn je als Feminist*innen und doch handelt es sich dabei um ein ideologisch und politisch aufgeladenes Wort, das viele nicht verstehen und das vielen Angst macht.

Die Aktivistin Scarlett Curtis hat deshalb eine ganze Reihe bekannter Frauen darum gebeten, einen Beitrag zum Thema Feminismus zu schreiben. Diese Beiträge wurden grob in sechs Kapiteln zusammengefasst, mit einer kleinen Geschichte des Feminismus, Lektüreempfehlungen sowie einer Einleitung und einem Ausblick von Curtis selbst versehen und als ein gesammeltes Werk unter dem Namen „Feminists Don’t Wear Pink“ herausgebracht.

Für den deutschen Markt wurden die Inhalte übersetzt und durch Beiträge deutscher Frauen erweitert. Meine Enttäuschung über die restlichen Änderungen in der deutschen Ausgabe mit dem Namen „The Future is Female“ erkläre ich später.

Ein wildes Potpourri

Curtis selbst schreibt in ihrem Buch, dass es keinen richtigen und keinen falschen Feminismus gibt, sondern viele verschiedene Ansichten und Perspektiven. Der kleine Geschichtsexkurs ganz hinten verdeutlicht die Entwicklung dieser verschiedenen Strömungen und ja, man kann ganz eindeutig erkennen, dass die einzelnen Verfasserinnen teilweise sehr unterschiedliche Auffassungen von Feminismus haben.

Da sind diejenigen, die sich ganz explizit nur an Cis-Frauen wenden, diejenigen, die den Begriff Frau verwenden, aber offen lassen, diejenigen, die die Grenzen ganz klar für Transmenschen öffnen und diejenigen, die sagen, Sexismus betrifft uns alle (auch Männer) und deshalb ist Feminismus auch für alle da. Ich gehöre übrigens zu der letzten Gruppe. 

Die verschiedenen Beiträge sind sehr individuell geschrieben und unterscheiden sich in ihrer Qualität. Die meisten fand ich interessant und lesbar, ein paar eher weniger gut und in zwei oder drei 3 Essays und Gedichten konnte ich persönlich den Bezug zum Thema Feminismus nicht erkennen.

Mich interessieren die Ansichten der Autorinnen und nicht eine in Fiktionalität verschleierte Variante davon.

Zwei Frauen haben sich sowohl gegen die Textform Essay als auch Gedicht entschieden und schlicht fiktionale Texte verfasst, was ich ehrlich gesagt besonders ärgerlich fand. Mich interessieren die Ansichten der Autorinnen und nicht eine in Fiktionalität verschleierte Variante davon, um sich selbst möglichst davon zu distanzieren (Ich meine dich, Helen Fielding).

Was mir richtig gut gefallen hat

Ein paar Beiträge fand ich fantastisch und zwar aus den verschiedensten Gründen: Die größte Überraschung war für mich der Beitrag von Keira Knightley. Ihr Essay war roh, kompromisslos und ehrlich. Ich weiß nicht, ob sie es mit Absicht gemacht hat, aber sie hat das bekannte Motiv der weiblichen Hygiene aufgegriffen. Knightleys Worte haben mich emotional so schwer getroffen, dass ich das Buch ein paar Minuten weglegen musste. Mir war nicht bewusst, dass diese Frau über ein solch schriftstellerisches Talent verfügt. Das Motiv der weiblichen Hygiene hat übrigens auch Keiras Schauspielkollegin Evanna Lynch sehr anschaulich verwendet.

Kathi Grelck über das Buch The Future is Female von Scarlett Curtis
Foto von Kathi Grelck

Auf intellektueller Ebene (und wahrscheinlich auch, weil meine eigenen Ansichten von ihr am treffendsten geteilt werden) hat mich der Beitrag von Lauren Woodhouse-Laskonis am meisten überzeugt. Er liest sich eher wie ein Fachartikel als ein Essay und das fand ich sehr ansprechend. Außerdem hat sie diese Thematik zwar nicht in das Zentrum ihrer Argumentation gerückt, aber zumindest erwähnt, dass Sexismus, Rassismus, Homophobie und Transphobie im Grunde feministische Probleme sind. Ob das mit dem Rassismus stimmt, kann ich nicht beurteilen, weil ich mich damit nicht ausreichend auskenne und selbst nicht betroffen bin, aber den Rest würde ich sofort unterzeichnen.

Die einzelnen Beiträge von Scarlett Curtis selbst waren sehr differenziert, reflektiert und modern. Besonders gut gefällt mir, dass sie sagt, auch Frauen können sexistisch sein. Damit will sie gar nicht primär Kritik an Nicht-Feministinnen üben. Auch feministisch denkende Menschen sind Teil einer patriarchalischen Sozialisierung und verhalten sich dementsprechend. Ihr geht es dabei darum, dass niemand perfekt ist.

Was mir nicht so gut gefallen hat

Ich finde es äußert ärgerlich, dass nur Frauen zu Wort gekommen sind. Die Auswahl an Frauen ist zwar recht divers, sie sind unterschiedlich alt, haben verschiedene ethnische Zugehörigkeiten, individuelle Lebenserfahrungen, unterschiedliche sexuelle Orientierungen und eine hat sich selbst als Transfrau bezeichnet, aber eine männliche Stimme wäre auch interessant gewesen. Besonders im Hinblick darauf, dass Curtis selbst sagt, Männer seien auch Teil der feministischen Bewegung. Vermutlich ist der Mangel an männlichen Perspektiven darin begründet, dass Curtis Frauen als im Zentrum der Debatte stehend sieht, wie sie in einem ihrer Beiträge schreibt. Das verstehe und respektiere ich.

Bedauerlich fand ich, dass zwei Beiträge bei mir zugleich auf Begeisterung und Ablehnung gestoßen sind: Der eine behandelt das Thema toxic masculinity und erklärt, wie Jungs unter dem System leiden und sozialisiert werden. Um einen Sohn zu erziehen, der nicht unter dem sexistischen Patriarchat leidet und Frauen nicht darunter leiden lässt, werden Erziehungstipps gegeben. Alle bis auf einen finde ich gut: Erziehe deinen Sohn mit einem starken Mann an deiner Seite. Dieser Satz schließt direkt so viele Menschen aus, dass es mich ärgert.

Ich finde es äußert ärgerlich, dass nur Frauen zu Wort gekommen sind.

So richtig problematisch fand ich den Beitrag der Journalistin und Autorin Dolly Alderton mit dem Titel „Demontage und Zerstörung“. Ich fühlte mich sehr an Essays von Alice Schwarzer und Elfriede Jelinek erinnert. In einer Art Aufzählung gibt Alderton uns Infos und Anweisungen, wie man eine gute Frau und Feministin ist. Einige finde ich gut. Besonders lustig finde ich: „‚Fotze‘ kann nicht das schlimmste Wort der Welt sein, weil es eines der besten Dinge der Welt bezeichnet.“ Ich habe eine recht merkwürdige Begeisterung für dieses Wort.

Als diskutabel empfinde ich Aldertons Befehl, wenn eine Frau sich richtig scheiße verhalte, zu überlegen, ob das vielleicht das Resultat eines Lebens in Unterdrückung sei wie wir Frauen es alle erleben. Ich persönlich finde ja, dass man für fast jedes menschliche Verhalten eine Erklärung finden kann, inwieweit das aber als Rechtfertigung oder sogar Ausrede gelten soll, auf die dann nur Frauen ein Anrecht haben, hätte ich gerne genauer erläutert bekommen. Übrigens verhalte ich mich Alderton zufolge gerade unfeministisch, weil man andere Feministinnen niemals öffentlich kritisieren soll. 

Was ich richtig scheiße fand

Ich finde, bei der Adaption des Buches für den deutschen Markt wurde richtig Mist gebaut. Es ist nicht unüblich, dass fremdsprachige Bücher bei der Übersetzung ins Deutsche auch einen neuen Titel und ein neues Buchcover erhalten. Wir haben hier ein Paradebeispiel dafür, wie dadurch Sinnhaftigkeit verloren gegangen und die Intention der Herausgeberin ignoriert worden ist.

Der Titel lautet im Original: „Feminists don’t wear pink… and other lies. Amazing women on what the F-word means to them.“ Die wortgetreuere Übersetzung davon wäre: „Feministinnen tragen kein rosa… und andere Lügen. Fantastische Frauen darüber, was das F-Wort für sie bedeutet.“ Der Haupttitel ist ebenfalls der Titel eines Essays und referenziert zusätzlich auf das Baker-Miller-Pink, das ich gleich weiter erläutere. Das „F-Wort“ aus dem Untertitel wird ebenfalls von Curtis in einem Essay benutzt. Zusammen ergibt das eine Aussage, die Interesse provoziert und direkt Personen anspricht, die sich für Feminismus interessieren.

Der deutsche Titel „The future is female. Was Frauen über Feminismus denken.“ hingegen ist aggressiv, weckt direkt Gegenwehr von Nicht-Feminist*innen, reiht sich in den aggressiven, männerfeindlichen Feminismus der zweiten Welle ein, fordert eine Zukunft, in der Frauen überlegen sind und verspricht eine Inklusivität der Beiträge, die schlicht nicht gegeben ist. Es wird nicht „die“ Meinung „aller“ Frauen verkauft, wie der Titel vermuten lässt, sondern verschiedene Meinungen einiger Frauen. 

Das Cover der Originalausgabe wurde sorgsam designt. Hauptfarbe ist das  Baker-Miller-Pink , über das Scarlett Curtis schreibt. Ein Forscher fand heraus, dass exakt dieser Farbton eine beruhigende Wirkung hat und Aggressionen verringert. Für den deutschen Markt wurde sich stattdessen für ein grelles, aggressives Pink entschieden, das ich persönlich zwar schön finde, bei mir aber eine gewisse Unruhe und Gereiztheit verursacht – das Gegenteil von dem also, was ursprünglich geplant war.

Statt einem beruhigend aussehendem Buch, dessen Titel gerade konfrontativ genug ist, um Interesse zu wecken, haben wir also ein grelles Monster, das quasi das Vorurteil bestätigt, Feminist*innen seien aggressiv und hassten Männer. Na danke.

Mein Fazit

Alles in allem finde ich das Buch hervorragend. Für jede*n ist etwas Passendes dabei und die Beiträge können Diskurse und Diskussionen anregen. Außerdem ist jeder Beitrag kurz genug, um mal eben zwischendurch gelesen zu werden. Wenn ihr gut Englisch könnt und meine Kritik an der deutschen Version teilt, empfehle ich euch aber die Originalausgabe


Kathi Grelck arbeitet als freie Texterin und Übersetzerin. Informationen über ihre Leistungen findet ihr auf ihrer Webseite. Auf dem Schwanzweiber-Blog schreibt sie über LGBQT-Themen.

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