ÜbersetzerIn werden (Teil II): Die staatliche Prüfung

Staatliche Prüfung zum Übersetzer-in in Hessen

Von Juli bis Dezember 2018 habe ich die staatliche Prüfung für Übersetzer und Übersetzerinnen an der hessichen Lehrkräfteakademie abgelegt. Ja, du liest richtig: Das hat sich über ein halbes Jahr hingezogen.

Grundsätzlich kann man die Prüfung in jedem der elf Bundesländer, in denen Übersetzerinnen und Übersetzer geprüft werden, ablegen. Als Bayerin wäre für mich der Weg nach München natürlich kürzer gewesen. Da ich aber meine Ausbildung an der Übersetzer- und Dolmetscherschule Köln gemacht habe und einige der Lehrkräfte PrüferInnen in Darmstadt sind, wurde uns empfohlen, uns dort zu melden. Natürlich ist es ausgeschlossen, dass man von den eigenen LehrerInnen geprüft wird. Allerdings kennen die Lehrkräfte sowohl die Anforderungen als auch die Erwartungen der anderen PrüferInnen gut, so dass man vielleicht doch einen kleinen Vorteil genießt.

Staatliche Prüfung Übersetzer: Formalitäten

In Hessen findet die staatliche Prüfung für Übersetzer für die meisten gängigen Sprache zweimal im Jahr statt: einmal mit Beginn im Januar und ein halbes Jahr später im Juni.

Um zur staatlichen Prüfung zugelassen zu werden, musste ich eine Bescheinigung, dass ich am Online-Kurs Übersetzer teilgenommen hatte, einreichen. Zum Zeitpunkt der Anmeldung im Mai (für den Juni-Turnus) hatte ich den Kurs noch nicht abgeschlossen, aber eine Bescheinigung der Schule anstelle eines Zeugnisses hat ausgereicht.

Nach Einreichen der Anmeldedokumente erhält man einen Brief mit der Kontoverbindung der Lehrkräfteakademie, um die Teilnahmegebühr überweisen zu können. Achtung: Man erhält keine Anmeldebestätigung!

Teil 1: Hausarbeiten

Der erste Teil der dreigliedrigen staatlichen Prüfung sind die Hausarbeiten. Hier bekommt man vier Texte zugesandt, für die man innerhalb von zwei Wochen eine Übersetzung anfertigen und dann zurück ans Prüfungsamt schicken muss. Dafür darf man sämtliche Hilfsmittel verwenden, muss diese aber angeben.

Die Zusendung der Texte war für Anfang Juni angekündigt. Ein genauer Termin wurde nicht genannt. Ich hatte mir zwei Tage Urlaub genommen. An Tag 1 kam keine Post, an Tag 2 war ich für eine halbe Stunde außer Haus. Natürlich kamen die Texte just in diesem Zeitfenster. Per Einschreiben. Was hieß, dass ich bis zum nächsten Tag warten musste, bis ich sie in meiner Postfiliale abholen konnte.

Die vier Hausarbeiten setzen sich zusammen aus je einem Text:

  • Fremdsprache – Muttersprache: allgemein
  • Muttersprache – Fremdsprache: allgemein
  • Fremdsprache – Muttersprache: Fachtext
  • Muttersprache – Fremdsprache: Fachtext

Sämtliche Informationen zur Bearbeitungszeit und der Formatierung finden sich im beigelegten Brief der Prüfungsstelle.

Außerdem wurden in diesem Schreiben angekündigt:

  • der Zeitrahmen für die Einladung zur schriftlichen Prüfung bei Bestehen der Hausarbeiten
  • der Termin für die schriftlichen Prüfungen
  • der Zeitrahmen für die Einladung zu den mündlichen Prüfungen
  • der Zeitraum der mündlichen Prüfungen

Für die Anfertigung der Übersetzungen sind die zwei Wochen wirklich ausreichend. Wir haben uns in einer Gruppe von vier Leuten zusammengetan und via GoogleDrive unsere Texte gegenseitig lektoriert.

Teil 2: Schriftliche Prüfung

Mit der Einladung zur schriftlichen Prüfung erhält man noch keine Noten, dafür aber den genauen Ablaufplan für die zwei Tage, an denen die Prüfung in Frankfurt am Main stattfindet. Darin finden sich auch die Informationen zur Verwendung der Hilfsmittel und ein weiterer Hinweis auf die Mitteilung des Termins zur mündlichen Prüfung.

Tag 1
14:00 bis 15:30 Uhr:
Aufsatz in der Nichtmuttersprache
16:00 bis 16:30 Uhr: Multiple-Choice-Test juristische Sachverhalte (auf Deutsch)

Tag 2
9:00 bis 10:15 Uhr:
Juristischer Text Fremdsprache – Deutsch
10:45 bis 12:00 Uhr: Allgemeiner Text Deutsch – Fremdsprache
12:30 bis 13:45 Uhr: Fachlicher Text Fremdsprache – Deutsch
14:15 bis 15:30 Uhr: Fachlicher Text Deutsch – Fremdsprache

Meine Prüfungen fanden am Freitag, den 21., und Samstag, den 22. September 2018 statt. Ich war bereits Donnerstagabend angereist und hatte mich für zwei Nächte im ibis-Hotel einquartiert, das etwa acht Gehminuten vom Prüfungsort entfernt ist.

Alle Prüfungen fanden im gleichen Raum statt. Wer in welchem Raum sitzt, war im Erdgeschoss des Gebäudes an einer Pinnwand ausgeschrieben. In einem Raum waren etwa 30 TeilnehmerInnen, die die Prüfung für sämtliche Sprachen ablegten (neben mir etwa saß eine angehende Russisch-Übersetzerin).

Meine Tipps für die schriftliche Übersetzerprüfung
Am Samstag sollte man sich auf jeden Fall etwas zu essen mitnehmen, da man das Gebäude nicht verlassen kann. Außerdem empfiehlt es sich, entweder eine große Flasche mitzunehmen, die für den ganzen Tag ausreicht, oder eine kleinere zum Wiederauffüllen, die unter die Hähne im Waschbecken auf den Toiletten passt (meine 0,6-Liter-Flasche war dafür zu groß).

Teil 3: Mündliche Prüfung

Der Endspurt! Der mündliche Teil der staatlichen Prüfung für Übersetzer findet in Darmstadt statt.

In der Einladung, die man nach Bestehen der schriftlichen Prüfung bekommt, ist der genaue Prüfungstermin (Tag und Uhrzeit) angegeben. Eine Viertelstunde vorher soll man sich im Prüfungsgebäude anmelden.

Da ich schon eine halbe Stunde vor meinem eigentlichen Termin da war (ein Wunder; siehe Anekdote unten), kam einer der Prüfer auch mich zu und hat mir angeboten früher anzufangen.

Geprüft wird man von drei Personen, in meinem Fall zwei Männern und einer Frau. Eine Person moderiert die Prüfung, das heißt er/sie leitet zwischen den einzelnen Teilen über, wählt die Texte aus und stellt auch die Fragen zur deutschen Landeskunde.

Die sieben Teile der mündlichen Prüfung sind:

  • deutsche Landeskunde
  • britische Landeskunde
  • Stegreifübersetzung fachlicher Text (Muttersprache – Fremdsprache)
  • Stegreifübersetzung allgemeiner Text (Muttersprache – Fremdsprache)
  • Stegreifübersetzung juristischer Text (Muttersprache – Fremdsprache)
  • Hilfsmittelgespräch
  • Dolmetschgespräch

Nachdem ich alle Aufgaben erledigt hatte, wurde ich gebeten, kurz das Zimmer zu verlassen, damit sich die PrüferInnen die Benotung besprechen können. In der Zeit habe ich meine Hausarbeiten und schriftlichen Klausuren zur Ansicht bekommen (diese kann man sich auch für 10 Euro kopieren lassen und direkt mitnehmen oder zuschicken lassen).

Nach circa zehn Minuten hat man mich zurück ins Zimmer gebeten und mir meine Noten mitgeteilt und Feedback zu den einzelnen Teilen der mündlichen Prüfung gegeben.

Nur 45 Minuten nachdem ich in das Prüfungszimmer betretenhatte, hielt ich stolz mein Prüfungszeugnis in der Hand! Darauf sind zwei Noten (nur in Worten; also „sehr gut“, „gut“, „befriedigend“ oder „ausreichend“) – eine für den schriftlichen und eine für den mündlichen Teil – und ein Gesamtergebnis („mit Auszeichnung bestanden“, „gut bestanden“, „bestanden“ oder „befriedigend bestanden“). Außerdem wird das jeweilige Fachgebiet aufgeführt (in meinem Fall Wirtschaft).

Der Super-GAU: Bahnstreik am Tag der Prüfung
Meine mündliche Prüfung stand am Montag, den 10. Dezember 2018 um 14:45 Uhr an. Mit dem Auto wären es mindestens 2 Stunden 15 Minuten gewesen, mit dem Zug etwa 3. Also nehme ich den Zug. Am Sonntag wurde angekündigt, dass die Bahn-Angestellten am nächsten Tag streiken würden – allerdings nur bis 11 Uhr. Als erfahrene Zugreisende hatte ich bei der Buchung Wochen vorher ohnehin mehrere Stunden Puffer eingeplant. Statt wie geplant zwei Stunden, kam ich dann doch nur eine halbe Stunde vor meinem Prüfungstermin – ziemlich fertig mit den Nerven – in Darmstadt an. Und dann war doch der Zugstreik tatsächlich das Thema des Dolmetschgesprächs!
(Wer sich den Stress sparen will: Wer mit dem Auto anreist kann auf dem Marienplatz parken, da kosten fünf Stunden 1,50 €, der ganze Tag 3 €.)


Falls ihr euch gerade auf die staatliche Prüfung für Übersetzer vorbereitet, hoffe ich, dass euch dieser Artikel etwas weiterhilft und im besten Falle beruhigt. Sind noch Fragen offen, stellt sie mir einfach in den Kommentaren!

2 Kommentare zu „ÜbersetzerIn werden (Teil II): Die staatliche Prüfung

  1. Liebe Sprachdiplomatin, erstmal vielen Dank fürs Teilen Deiner Erfahrung und die genaue Beschreibung aller Abläufe. Dein Artikel hat mir sehr geholfen und meine Entscheidung steht nun fest: ich werde mich für die den Online-Kurs Übersetzer bei der Dolmetscherschule Köln anmelden.

    Ich habe aber auch ein Paar Fragen an Dich. Hast Du die in Darmstadt abgelegte Prüfung in Bayern anerkennen lassen? Kann man sich mit dem Darmstädter Zeugnis in Bayern beeidigen lassen?

    Herzlichen Dank und Liebe Grüße aus München

    Lüba

    1. Hallo Lüba, es freut mich sehr, dass ich dir helfen konnte. Ich wünsche dir viel Erfolg beim Online-Kurs! 🍀
      Zu deinen Fragen: Es handelt sich ja um eine staatliche Prüfung, deshalb muss man nichts anerkennen lassen. In welchem Bundesland man die Prüfung ablegt, ist egal. Deshalb kann man sich anschließend auch an Gerichten in allen Bundesländern beeidigen lassen.

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